Tag X, Corona Virus, Voyage 5

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„Die Welt, wie ihr sie kennt, werdet ihr so nicht mehr vorfinden.“ Diese Nachricht erreichte uns am 16.03.2020 von Cornelius Bockermann (Timbercoast). Vor drei Monaten setzten wir unsere Segel Richtung Mittelamerika aus. Die Welt, die wir in Elsfleth (nahe Bremen) verließen, wurde abrupt eine völlig andere. Innerhalb weniger Wochen wandelte sich unser blauer Planet durch einen globalen „Shut-Down“: Pandemie Corona.

Der Corona-Virus war schlagartig auf den verschiedenen Teilen dieser Erde ausgebrochen. Mein erster Gedanke: „Eine gemachte, eine gepuschte Situation?“. In Italien, Frankreich, aber auch in Mittelamerika – Kollaps. Ungläubig nahm ich diese Nachricht in mich auf. Sie sank die folgenden Tage in mein Bewusstsein. Wir stellten uns der sonnig, rau schimmernden See in allen Wetterlagen, waren gesund. Ein Schiff, das zur eigenen kleinen Insel der Sicherheit wurde. Fünfzehn leuchtende Seelen an Bord im Alter von 26 bis 58 Jahren überquerten den Atlantik mit reiner Segelkraft. Eine Expedition mit von Abenteuern gespickten Herausforderungen. Schäumend brechende Wellenkämme, abwehende Gischt, stürmische Winde im Englischen Kanal. Dann im Gegensatz driftend, Flauten für Tage, bis hin zur sich wieder neu auftürmenden See. Ohne Landgang für nicht nur den ersten Monat. Der Ozean lehnte sich über das Schiff, ragte mit hohen Wellenbergen über uns, als schaute er mit beeindruckender Größe hinein in unser Segelschiff und verdeutlichte seine herausragende monumentale Schönheit. Klein, mit Ehrfurcht, Respekt und Anerkennung wurde uns gewahr, dass die Zeit, wie wir sie nutzten, für effizienten, schnelleren Konsum, ein menschengemachtes Wettrennen gegen uns selbst bedeutet. Haben wir verlernt zuzuhören, zu beobachten, das Wetter, die Zeichen der Natur zu lesen? Generationen vor uns segelten noch ohne Technik über die Ozeane. Wir – als Teil eines flimmerndes Theaters, Medienkonsument*innen, bespielt mit Stimmungen, Erwartungen, Ängsten – geben uns den Botschaften nur allzu bereitwillig hin. Berufen wir uns auf diese menschengeschaffene Illusion dieser Zeit? Meinungsbildende Medien, hinterfragen wir die vorgesetzten „Fakten“ tatsächlich? Wird es wirklich leichter für uns, indem wir uns ablenken, berieseln, unterhalten lassen? Die digitalen Welten haben den Priester der Kirche abgelöst und erklären uns nun stattdessen, wer wir sein sollten. Die Werbung verkauft uns für dumm. Kein Geheimnis. Woher kommt die Schokolade wirklich? Unser Kaffee? Ein kurzer Genuss, zu Lasten aller produziert. Mit dem Preis unserer Existenz, unserer Zukunft. Worauf vertrauen wir? Die Lebewesen dieser Erde leiden, ganze Artenvielfalten verschwinden auf ewig, sterben aus.  

Tiefe Gedanken, Fragen und Themen begleiten mich über die schimmernd blauen Wellen, inmitten stürmischer Winde, der brennenden Sonne auf dem Atlantik. Ein Ereignis überschlug das nächste und rüttelte an meiner Weltansicht. Unsere Rettungsaktion Anfang März 2020 auf dem Atlantik von sechzehn geflüchteten Afrikaner*innen, brannte sich tief in mir ein. Eine driftende Nussschale, ohne Wasser, ohne Nahrung, gerettet durch unsere Expedition. 

Der Gipfel, dieser an sich bereits sehr ereignisreichen Voyage 5, war die Schließung  aller Grenzen weltweit nur wenige Wochen später. 

Meine Gedanken überschlugen sich: „…wir, eine Mannschaft, als Zufluchtsort vielleicht eine einsame Insel, Aufbau einer neuen Existenz im Paradies , … .“, bis hin zu dem intensiven Wunsch, dass sich alles gelegt haben würde, wenn wir im Juli 2020 wieder in Elsfleth Heimatboden betreten würden.

Der ersehnte Landgang nach unserer Atlantiküberquerung auf den Kleinen Antillen, in Marie Galante blieb uns verwehrt. Auf dem Atlantik waren wir noch ohne Internet und Netzanbindung. An unsere Vorstellungskraft gebunden mit der Hoffnung, dass sich die Situation an Land gebessert hatte.

Doch es kam anders als erhofft. Die schockierende Botschaft manifestierte sich. Der 24.03.2020 schuf für uns Gewissheit über die globalen Ausmaße. Die scheinbar grenzenlose Freiheit auf dem Segelschiff wurde zum Gegensatz. Kein Landgang, keinen Anker setzen. Für drei Stunden hieß es „Proviantaufnahme“ und leider nur eine gefüllte Gasflasche für die Weiterreise (zur Nahrungsmittelzubereitung). 

Innerhalb dieser kurzen Zeit, hieß es, den Blick nach vorn auszurichten. Mutti, Vati und die Liebsten schnell kontaktieren. Die Familie und Angehörige beruhigen. Was blieb mir anderes übrig, so viele 1000 km entfernt voneinander? Panik? Oder ein wacher Blick mit Zuversicht und bestmöglichen Chancen zur Teamarbeit auf See. Einzelkämpfer überleben nicht, eine Gemeinschaft schon. Wir teilten innerhalb der Crew unser Wissen, unsere Emotionen, gaben uns Halt und arbeiteten weiter optimistisch mit aller Kraft an Deck.

Eilig brachten wir in Guadeloupe frische Nahrung an Bord. Ein Transporter ließ die Ladeluke über die Hafenmauer herunter, wir entpackten mit Handschuhen und Desinfektionsmitteln gewappnet die Ware und brachten sie in unseren Laderaum. Quarantäne, bis der möglicherweise anhaftende Virus nicht mehr gefährlich war. Frische Lebensmittel wuschen wir, ließen diese in Essig für 20 Minuten ruhen und spülten anschließend mit Wasser gründlich nach. Wir erhielten klare Anweisungen zur Gesundheitswahrung vom Kapitän: Hände waschen, kein Hautkontakt (achtet auf Augen, Gesicht), stets desinfizieren. Höchste Hygiene-Maßnahmen. Im Gummianzug (Ölzeug) nahm unser Köchin Giulia die Lebensmittel entgegen, die Crew packte gemeinsam an. Langärmlige Oberteile und Latexhandschuhe waren Pflicht. 

Letztlich winkte uns unser Agent nach wenigen Stunden zum Abschied und hielt die Daumen hoch. Einen Schritt weit von der paradiesischen Insel entfernt. Er begleitete uns beim Auslaufen bis zum Ende entlang der Hafenmauer. Ein erwärmendes Zeichen des Zuspruchs. 

Weiter ging es für uns ins Ungewisse. Unsere weitere Versorgung? Sterne, die es noch zu deuten gilt. 

Doch behielten wir unseren Mut. Tauschten uns aus, wuchsen weiter zusa mmen. Den weiten Atlantik hatten wir mit reiner Wind- und Muskelkraft, mit unserer zuverlässigen Avontuur gemeistert. Im Einklang hielten wir unser Schiff weiter in Stand, befreiten sie von Rost, spleißten Seile, richteten den Kurs neu aus und segelten mit den Naturgewalten. Vertrauend auf die Entscheidungen und Erfahrungen unseres Kapitäns wurde unsere Crew zusehends stärker. Nicht nur unsere Körper wurden zäher und muskulöser, auch der Umgang mit unseren Ressourcen wurde feinsinniger. Trotz der Rationierung an Bord werden wir dank Giulia (The.Rolling.Galley) gesund und abwechslungsreich versorgt. 

Nach drei Monaten befinden wir uns nun an der Küste von Honduras. Ration und Kaffeefracht erwarten uns, ist unsere nächste Chance auf unsere erste Handelsstation.

Wir werden voraussichtlich in wenigen Stunden, die endgültige Erlaubnis zur Hafeneinfahrt in Port Cortes erhalten. Dort gilt es 23 Tonnen Rohkaffee per Hand zu verladen und Proviant zur Weiterfahrt nach Vera Cruz (Mexiko) an Bord zu nehmen. Kein Landgang. Über die Hafenmauer, per Paletten, von Hand zu Hand Sack für Sack (69 kg pro Sack, 369 Säcke, 23 Tonnen). In der Hoffnung, anschließend ankern und kurz verschnaufen zu dürfen, packen wir erneut an. Für fairen Handel, eine gerechtere Welt.

Aktuell wird der dreifache Preis (3 US $ / libra Kaffee) des Weltmarktes von Café Chavalo für den Kaffee aus Nicaragua gezahlt. Der Preis, der die Überlebensgrundlage für die Kaffeeproduzent*innen vor Ort absichert. Ein Preis, der zahlbar ist, der Absatz sowie Umsatz findet. Unsere Umwelt so behandelt bzw. wertschätzt, dass alle existieren können. Erde, Pflanzen- und Tierwelt, letztlich dadurch der Mensch. 

Zusätzlich zu den anteilig 10 Tonnen Rohkaffee (269 Säcke) bezogen durch Jens Klein (Café Chavalo – Trink nicht irgendwas), werden noch 1000 Beutel Röstkaffee von Tierra Nueva lokal geröstet an Bord genommen. 

Höchste Qualität darf und muss ein Kriterium für eine gesunde Zukunft werden: Biologisch, fair, mehr Wertschätzung und Wertschöpfung lokaler Produkte – verantwortungsbewusst.

Weiter Infos sind unter YouTube zu finden:

https://www.youtube.com/channel/UC9jIA67aHxdbfID9RIft4jQ

und insbesondere: https://www.youtube.com/watch?v=q7TEeUFGxj0 (Timbercoast ab 22:26).

Podcast: Zukunft mit Kaffeeduft Segel-Kaffee 

Zusätzlich zeigen uns Menschen, dass es mit Willenskraft und Interesse möglich wird, globale Handelsbeziehungen, mit saubereren Transportwegen erfolgreich in die Tat umzusetzen. Drei junge Student*innen aus Hamburg riefen TEIKEIolive ins Leben (Hintergründe: Podcast TEIKEIolive). Griechisches Olivenöl wird auf unserer Voyage 5 dadurch nach Mexiko gesegelt. 

Auch transportieren wir in unserem Frachtraum Spenden nach Nicaragua. 

Die Kooperative Städtefreundschaft Frankfurt – Granada/Nicaragua (Verein seit 1991) setzt sich ohne persönliche Bereicherung direkt für die Menschen vor Ort ein: Reifen und technische Ausrüstung für die Feuerwehr, über 1000 Brillenfassungen (Optiker ohne Grenzen, äquivalent zu Ärzte ohne Grenzen) ruhen in Kisten seit dem 06. Januar 2020 an Bord. Jens Klein hat dafür seine Kontakte genutzt und als Handelspartner mit Timbercoast diesen CO2-neutralen Austausch für diese Städtepartnerschaft kurzfristig möglich gemacht (Hintergründe: Podcast: Zukunft mit Kaffeeduft Segel-Kaffee 32:50).

Halten wir künftig gestärkter zusammen? Wollen wir einvernehmlich agieren? Unserer Menschlichkeit bewusst, müssen wir uns auf unsere wahren Stärken besinnen – Herz, Verstand, Zusammenarbeit. 

Die Avontuur als einziger Segelfrachter Deutschlands zeigt, dass wir die Möglichkeit haben, unsere Segel neu auszurichten. Altes Wissen, mit neuer Technik vereint. Zum Wohle aller Lebewesen, beherzt und zukunftsweisend. Stets bewusst, dass wir uns am Anfang und in steter Weiterentwicklung befinden. 

Unsere Füße sind vom Salzwasser aufgeweicht, wunde Stellen, Hände mit Brandblasen und verhornt. Heilung für unsere Körper, Seelen, rastlosen Herzen. Bereit für alles, was kommen mag. Unser Antrieb: Gutes zu tun, zu reifen, fortzubestehen. In Anpassung an die Zeiten des steten Wandels, inmitten des Ozeans. Über den unendlichen Wassern dieser Erde goldrote Sonnenuntergänge mit sich türmend hohen Wolken. Jeder Tag unvorhersehbar, Gewiss ist nur der Sonnenaufgang. Ein sich stets erneuernd wechselndes Schauspiel an farblich fließend gelb-roten, orange leuchtend, bis hin zu gold-silbernen Transformationen. Immer wieder neu vor unseren Augen ein atemberaubend einmaliges Gemälde. Ein Sinnbild für zahllose Chancen auf Veränderung, Wachstum.

Die Pandemie betrifft uns alle, wirkt sich auf alles aus.  Doch nicht nur Viren können von Mensch zu Mensch übergreifen. Anteilnahme, Mitgefühl und Solidarität sind ebenso übertragbar. Daher weiß ich, dass auch wir diese schweren Zeiten der Krise gemeinsam überstehen, meistern werden. Wir uns neu transformieren, gleich dem Sonnenaufgang. 

Unsere Erde braucht einen Wandel, braucht Genesung. Schon jetzt ist signifikant durch Beobachtungen zu verzeichnen, dass die Natur sich noch erholen kann. In China ist plötzlich statt  dem Smog der Himmel zu sehen. In Venedig sind die Kanäle wieder klar und selbst Delfine fühlen sich dort überraschend heimisch. Durch die Krise zum Stillstand gekommen, haben wir eine neue Chance: zum Nachsinnen, zum Innehalten, zum Kurswechsel. Es liegt an uns, was wir mit unserer Zeit anfangen. Bedacht – mit Geduld oder in Hast – begleitet von rabiater Umweltzerstörung, Fortbestand einer kurzlebigen Wegwerfgesellschaft. Zukunftsfähigkeit oder Vergangenheit – die Menschheit hat es in der Hand. 

Mögen wir die Zeiten der Krise überstehen, mögen alle Betroffenen sich im solidarischen Gemeinschaftsgefühl getröstet und gesehen fühlen. 

Zur Orientierung unser täglicher Kassenbon, als Wahlzettel für eine Erde mit Artenvielfalt, regionalem Bewusstsein, ressourcenfreundlichem Umgang, Respekt für alle Lebewesen, hin zum Guten.

Mit der Gewissheit, die Segel für unsere Zukunft neu auszurichten, grüßt euch Peggy von der Avontuur, Voyage 5 in Zeiten des Crona-Virus (COVID-19), Tag X, 08.04.2020

Diese Expedition setze ich aus der Überzeugung heraus um, dass wir eine Chance auf eine bessere Zukunft im Einklang mit der Natur und allen Lebewesen dieser Erde haben. Mein Sein dient dem Wohle aller. Da ich keine Einnahmen habe, freue ich mich über jede Unterstützung. Helfen kannst du in Form einer gebrauchten guten GoPro (meine ist leider dem Ozean zum Opfer gefallen), aber auch  Finanzen oder Beziehungen/Vernetzungen bedeuten für mich Lebensgrundlage. Auch meine Existenz ist ungewiss, ich vertraue auf Mitmenschen wie dich.

Infos zu Fracht & Ladung: http://www.timbercoast.de

Mein großer Dank gilt: Timbercoast und Café Chavalo

Gesegelter Kaffee: www.cafe-chavalo.de

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