Saphirblau & vibrierende Seile

Im Dunkel brachen wir mit gemischt frohen Erwartungen bei klammer Morgenluft vom Elsflether Hafen auf. Seit genau einem Monat sind wir unterwegs. Die Avontuur trägt uns seither entlang der Westküste Europas Richtung Süden. Erster Stopp ist in wenigen Tagen oder vielleicht auch Wochen Teneriffa. Zu Beginn hießen uns Stürme im Englischen Kanal mit eisiger Seeluft und Regen willkommen. Von Beginn an packten wir mit 30 Händen gemeinsam zu. Eingeteilt in Wachen, jeweils zu viert oder fünft, unseren Segelfrachter, das Wetter, den Verkehr stets im Blick. Eine Hand fürs Schiff und eine Hand für uns. Ziehend an den zerrenden Segeln arbeiten wir seither an Deck. Während sich die anderen ausruhen, hin und her wiegend, schaukelnd, teils festkrallend in den Kojen, umgebaut zum Nest, um das Herausfallen zu vermeiden, sind wir in drei Wachdiensten zweimal täglich eingeteilt. Morgens 3.30 Uhr werde ich geweckt, sanft mit Wetteransage, um sich immer richtig gekleidet mit oder ohne Sicherheitsweste an Deck zu begeben. Täglich umgibt uns eine Geräuschkulisse des scheidenden Bugs, eintauchend in die Wellen, das Klingen und Schlagen der Segel an den Masten, das Rauschen der Wellen, Fußgetrappel an Deck, die Handpumpe der Toilette, Metall und Holz reibend aneinander, quietschend manchmal pochend im Gleichklang. Die ersten drei Tage der Expedition verrichtete die Hälfte der Crew seekrank ihren täglichen Wachdienst, inklusive mir. Teils hing ich, wie die anderen auch, an der Reling, kopfüber. Nur nicht aufgeben. Der Großteil der Reise stand und steht noch bevor. Kräfte einteilen, ausruhen nach 4 Stunden Wache an Deck. Steuern, Kurs halten, Segel setzen, Küchendienst, nichts blieb im Magen, nach 5 Minuten alles an die Fische, schnell Zähne putzen, ab in die Koje für einen kurzen Schlaf mit steinernem Bauch und erneut den Kopf über die Kloschüssel gebeugt. Dabei versteifte ich meine Beine und stütze mich mit beiden Armen an den Wänden, um durch den Wellengang nicht umhergeschleudert zu werden. Das Krachen des Bugs glich immer wieder einem Donnerschlag, die Wellen hoben unseren Rumpf in die Höhe, um dann kurze Zeit später wieder herab zu schmettern, einzutauchen in die dunklen Wasser der See. Die Seile vibrierten, pulsierten, hielten die Segel straff bei Wind und Regen. Trotzend durch die pfeifenden und tosenden Böen bahnte uns die Avontuur ihren Weg entlang der Niederlande, Richtung Biskaya (Frankreichs abenteuerlichster Küstenbereich, eine Herausforderung für viele Schiffe und selbst erfahrene Seeleute.). Abhängig von den Winden lehrt uns das Meer, wie klein wir sind und wie entscheidend, eine einzige Sekunde für die Existenz unserer Selbst und unser aller Sein, sein kann. Fernab vom trauten Heim, einer Welt weit weg vom Bezug zur realen Natur, ihrer immensen Kraft und rauen Schönheit. Sonnenauf- und untergänge malen ein unbeschreibliches Farbenspiel an den Horizont. Tiefes Rot im Verlauf zum Orange hin zu Saphirblau wechseln die Himmelstreifen, so malerisch fließend, als sei der Horizont ein weiterer Ozean der sich in den Weiten des Himmels erstreckt. Lila Töne, silberne Streifen, flauschige Wolken, hin zu hohen Türmen formiert, ein immer wieder neu atemberaubend prachtvolles Farbenspiel. Nur um sich dann innerhalb von wenigen Minuten in völlig neuer Pracht zu zeigen. Wir lernen die Wolkenformationen zu lesen, durchsegeln wabernde Nebelschwaden und werden uns bewusst, dass alles seine Zeit braucht. So auch unsere eigentlich halb so lang angesetzte Route nach Teneriffa. Der Wind, weiß es besser, der Wetterbericht umso schlechter. Nun heißt es innehalten, im Wechsel treiben und segeln. Wir nutzen diese Zeit, lernen täglich neu dazu und erkennen, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Aufmerksamkeit, Achtung und Akzeptanz, nicht Gott spielen, sondern auf gegebenes reagieren, harmonisch interagieren im Einklang mit den Naturgewalten. Die Atlantiküberquerung „Zukunft mit Kaffeeduft“ hält noch viele spannende Herausforderungen bereit. Café Chavalo erwartet gesegelten Kaffee, Choco Del Sol gesegelten Kakao.

Im Sommer 2020 werden wir in Hamburg einlaufen,
der Zeitpunkt ist geplant, bleibt je nach Wind jedoch eine Voraussage mit Tendenz zur Abweichung.
Bis dahin versorgt uns Gulia in der Galley (Kombüse oder auch Schiffsküche) mit abwechslungsreichen Gerichten und hält uns mit einem „Ciao my friend“, einem verheißungsvollen Lächeln bei Laune und Kräften. Unser weitsichtiger Kapitän Michael setzt auf Segelkraft und hat uns stets alle im Blick. Nichts bleibt unbemerkt, sodass aus Fehlern gelernt wird und möglichst kein Finger oder Crewmitglied verloren geht. Mit gutmütigen weisen Augen wacht er stets über das Schiff und hat mir des Öfteren mit festem gutmütigen Ton klar Anweisungen gegeben. Eine Erklärung steht immer dahinter, sodass sich die Worte schnell bei mir einschärfen und gelernte Segelmanöver manifestieren.


Wie es weiter geht, welche Herausforderungen diese Expedition für eine bessere Zukunft mit sich bring erfahrt ihr hier.

Für mich geht es gleich wieder an Deck, zum nächsten Segelmanöver. Bei Nebel, eingepackt in meine rote Regenkluft, mit der Wache „White Watch“ heißt es anpacken, den Horizont im Blick, das Steuerrad im Griff. Im entscheidenden Moment werden wir eins, im Team, mit den Winden und Wellen, der Avontuur.

2 Kommentare zu „Saphirblau & vibrierende Seile

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  1. Hi Peggy, gespannt habe ich auf deinen ersten Bericht vom Leben an und unter Deck gewartet – großartig! Ist die Seekrankheit irgendwann voerschwunden? Oder kommt sie wieder, wenn das Wetter und die Wellen rauer werden?

    1. Die Seekrankheit kommt bei manchen wieder. Es ist jedoch alles auch eine Sache des Geistes, ich hatte kurz einen Rückfall, musste mich jedoch nicht übergeben. Mein Tipp: immer hochkonzentriert auf einen Punkt hinarbeiten. Ich habe am Steuer, bei Wind und Wetter am besten meine Seekrankheit überwinden können.

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